No Limit Cash Games V
Bereits zum fünften Mal schauen wir einem Pokerprofi beim Cashgame in die Karten. Nachdem wir gesehen haben, wie Patrik Antonius, Phil Ivey, Gus Hansen und Tony G. um die ganz dicken Töpfe zocken, schildern wir diesmal die Pokeraction aus Sicht des Siegers des Main Events bei der WSOP 2000, Chris Ferguson. „Jesus“ besitzt wie seine Eltern einen Doktorgrad in Informatik. Seine mathematischen Fähigkeiten brachten ihm bislang 6,6 Millionen Dollar Preisgeld und auch bei diesem Cash Game räumt der Kalifornier ab.
Bang'o Bang!
Ferguson sitzt an einem prominent besetzten Tisch. Mit ihm zocken unter anderen Tony G., Gus Hansen, John Juanda und Patrik Antonius.
Jesus sitzt am Cut-Off, dem rechten Nachbarn des beliebten Buttons. Er sieht Patrik Antonius drei Sitze neben ihm raisen. Ein Spieler wie Antonius spielt zwar relativ tight und foldet gerne mal 20 Hände in Folge, aber das heisst nicht, dass er unbedingt eine Monsterhand haben muss. Ihm kann auch einfach mal langweilig geworden sein und jetzt denkt er sich, dass es an der Zeit ist, für Action zu sorgen. Ein solcher Raise muss also nicht AK, QQ und dergleichen repräsentieren, sondern kann auch für 33, 75s oder A8 stehen. Ferguson findet King Jack in Diamonds eine sehr gut aussehende Hand, die allerdings viele Spieler in Schwierigkeiten bringt. Es ist eine Hand, die sehr gerne dominiert ist. AJ, AK und KQ sorgen bei KJ meist für Kopfschmerzen. Man muss schon vorsichtig sein, vor allem, wenn man die Hand gegen einen Raise spielen möchte. In diesem Fall ist die Hand-Range von Antonius jedoch relativ breit, also kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken und zu folden. Ausserdem hat Chris Position auf Antonius – ein riesen Vorteil in einem Cash Game mit tiefen Stacks!
Chris Ferguson callt, Tony G. und Gus Hansen folden, aber John Juanda füllt seinen Big Blind auf, im Pot sind 8 500 Dollar und er sieht einen Flop von:
Queen of Diamonds, Ten of Diamonds, Ace of Diamonds; QTA
Bang'o Bang! Kaum jemand wird auf die Schnelle die Wahrscheinlichkeit hierfür ausrechnen können. Dennoch kann es auch einmal vorkommen: „Jesus“ floppt den Royal Flush! In einer solchen Situation ist es sicherlich extrem schwierig, die Ruhe zu bewahren, nicht vom Stuhl aufzuspringen und bloß nicht aufzufallen. Ferguson versteckt sich unter seinem Markenzeichen dem Cowboyhut, und versucht keinen Verdacht zu erwecken.
Was wünscht man sich in einer solchen Situation? Action natürlich! Aber die ist mit einem Royal Flush leider nur selten gegeben. Denn wenn jemand anders auch einen Flush getroffen hat, ist es ein sehr niedriger mit Nine high. Hände wie Nine-Eight in Diamonds hätten auch den Flush gefloppt, aber ein Vermögen lässt sich aus diesen Händen kaum herausziehen.
Leider checkt sowohl John Juanda als auch der eigentlich aggressive Preflopraiser Patrik Antonius. Ein ganz schlechtes Zeichen! Im Prinzip kann „Jesus“ nur freie Karten verteilen und hoffen, dass irgendwer, irgendwas am Turn trifft und bereit ist, Chips in die Mitte zu schieben oder auch einen waghalsigen Bluff zu starten. Aus diesem Grund checkt Ferguson ebenfalls und sieht den Turn:
Nine of Diamonds; QTA9
Jetzt hat er auch noch einen „grossen“ Royal Flush, wenn man so will. 9TJQKA in Karo. Leider bringt ihm das absolut gar nichts, und die Karo Neun war auch noch eine sehr schlechte Karte. Denn jetzt ist die bestmögliche Hand, die ein Gegner haben kann, ein Flush mit einer Acht als höchster Karte. Kaum jemand, ausser ein kompletter Donk, ist bereit, einen ernsthaften Betrag mit einer solchen Hand zu investieren, wenn ihn jeder Karo König und Karo Bube schlägt. Das Einzige, auf das Chris jetzt noch hoffen kann, ist eine River Karte, die das Boar paired und damit Full House und Quads möglich macht.
Juanda und Antonius checken, im Pot sind immer noch 8 500 Dollar, sehr wenig für eine so starke Hand. Aber was will man machen? Ausser checken und auf eine gute River Karte hoffen, ist im Moment wenig drin. Das macht Ferguson auch und sieht damit die hoffentlich alles verändernde Karte am River:
Queen of Clubs; QTA9Q
Na also, das war doch nicht die allerschlechteste Karte! Es ist ja nicht so, dass „Jesus“ Ferguson bisher nicht schon genug Glück hatte, aber in diesem Fall braucht er noch das Glück, dass jemand mit der Dame am River ein Full House vervollständigt. Möglich ist es, und nur so liesse sich noch ein guter Betrag verdienen. Hände wie AQ, QT, 99 können sicher nicht so einfach loslassen, und der Royal Flush würde doch noch ausbezahlt werden.
John Juanda und Patrik Antonius checken aber schon wieder und es sieht so aus, als hätten sie genau gar nichts. Was soll's, jetzt muss Geld in die Mitte! An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass ein Check nicht nur aus strategischer Sicht absolut dumm wäre, sondern auch gegen die Regeln verstossen würde. Ein Check-Behind mit den Nuts wird in den allermeisten Casinos geahndet und auf Verdacht der Kollusion bestraft. Jan van Halle hat es bei der diesjährigen World Series of Poker geschafft, einen Royal Flush an Turn und River herunterzuchecken. Er hat scheinbar übersehen, dass er genau die Karte hielt, die ihm die bestmögliche Hand bescherte. Wie auch immer, ein Einsatz ist das einzig Richtige und „Jesus“ setzt 6 000 Dollar.
Kaum ist das Geld in der Mitte, ziehen die Karten seiner Gegner nach. Beide folden und natürlich muss „Jesus“ seine Hand herzeigen. So ist das eben in den allermeisten Fällen: Man trifft die absolute Megahand, nur um zu sehen, wie alle genüsslich folden und nicht einmal daran denken, zu bezahlen. That's Poker!
Value Bet mit Ace high
Meistens sitzt man am River mit einer mittelmässigen oder guten Hand und fragt sich, ob man betten soll und ob man einen Call sehen möchte. Manchmal sitzt man aber auch am River und glaubt, nur mit einem Bluff und einem darauffolgenden Fold des Gegners die Hand gewinnen zu können. Und manchmal macht man in einer solchen Situation sogar einen Bluff, der eigentlich gar keiner ist...
Es wird eine neue Runde gedealt. Ferguson sieht Gus Hansen in früher Position erhöhen, Patrik Antonius und der japanische Amateurspieler Kagawa im Small Blind callen. Mit Ace Jack offsuit gibt es für Ferguson im Big Blind kaum eine andere Option, als ebenfalls zu callen. Die Pot Odds sind extrem schmackhaft und auch der Name des Raisers ist ein Synonym für eine loose und teilweise verrückt aussehende Spielweise. Ein Raise von Gus Hansen sagt daher relativ wenig über die Qualität seiner Hand aus; er kann wirklich mit allen möglichen Händen erhöhen. Weder ein Fold, noch ein Reraise kommen in Frage, wobei letzterer natürlich ein interessanter Zug wäre und durch das viele Geld, das in der Mitte liegt, gar nicht unattraktiv.
Das Standardspiel ist jedoch ein Call und darum sehen vier Spieler den Flop, im Pot sind 12 000 Dollar.
Queen, Nine, Deuce; Q92 mit zwei Spades.
Kagawa checkt im Small Blind und Ferguson kann ebenfalls checken oder einen Einsatz tätigen. Letzteres macht eigentlich wenig Sinn. Man überlege sich: drei Gegner im Pot, die alle irgendwie etwas treffen könnten. Mit einem ultra aggressiven Preflopraiser namens Gus Hansen sollte man sich nicht anlegen, wenn man gerade mal Ace high und keine Position auf ihn hat. Darum checkt Chris, genauso wie Hansen und Patrik Antonius nach ihm.
Der Turn wird aufgedeckt:
Four of Clubs; Q924
Kagawa checkt schon wieder, obwohl diese Karte eigentlich niemandem geholfen haben sollte. Am Flop haben sogar zwei aggressive Spieler wie Hansen und Antonius nur gecheckt. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass sie einfach nur am Flop vorbei gerauscht sind. Ein Einsatz könnte den Pot tatsächlich gewinnen, während ein Check sicherlich keinen Sieg einbringt.
Ferguson setzt daher 7 000 Dollar. Hansen tut ihm den Gefallen und foldet einfach. Antonius ist ebenfalls folgsam. Kagawa allerdings callt und das noch relativ fix, ohne lange nachzudenken.
Im Pot sind 26 000 Dollar und der River zeigt:
Six of Hearts; Q9246
Kagawa, mit seinem japanischen Akzent, checkt schon wieder und stellt Ferguson damit erneut vor eine Entscheidung. Mit Ace high kann er eigentlich nicht davon ausgehen, die beste Hand zu haben. Ungefähr alles, ausser ein kleineres Ass oder eine Hand wie Jack Ten, schlägt ihn. Doch was kann Kagawa haben? Ein schneller Call ist meist Indiz für einen Draw oder auch für eine schwache Made Hand wie middle Pair, wobei ein Call eigentlich die einzige Möglichkeit ist, wenn ein Fold zu weak und ein Raise zu stark erscheint. Daher gibt es viele Hände, die er haben kann und die auch das elende Herumgechecke rechtfertigen würden. Gegen die meisten Draws gewinnt Ferguson, gegen die Hände, die irgendeinen Teil vom Board abbekommen haben, verliert er logischerweise. Es kann eigentlich nicht viel schief gehen mit einem Einsatz. Zumindest weiss Ferguson, dass Kagawas Hand alles andere als stark ist, schliesslich hat er bei allen drei Runden gecheckt und nur einen Einsatz am Turn gecallt. Eine Bet würde ihn also wahrscheinlich zum Folden bringen, auch wenn er ein klassischer „Fisch“ ist. Selbst „Fische“ können folden, vor allem, wenn sie mit zwei Einsätzen eines recht tighten Spielers konfrontiert werden.
Ein Einsatz sieht weitaus besser aus, da er zum einen bessere Hände zum Folden bringen kann, aber auch keinen Nachteil bringt, falls „Jesus“ sowieso die beste Hand haben sollte. Darum setzt er 16 000 Dollar. Kagawa überlegt, grinst und lässt schliesslich doch los.
Um diesen Fall aufzulösen: Chris Ferguson hatte tatsächlich die beste Hand und trat gegen Ace Five an. In der Tat hatte Kagawa einen Draw, wenngleich einen sehr schwachen. Darum hat Chris „Jesus“ Ferguson alles richtig gemacht mit dieser Value Bet am River.